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Alt 18.01.2010, 21:59
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Fsk12 A scanner darkly

Deutscher Titel: Der dunkle Schirm

USA, 2006

Laufzeit: 93min





Die neue, extrem süchtig machende Droge Substanz T überschwemmt die Szene geradezu; eine Quelle, woher es stammt, kennt niemand.
Der Undercover-Polizist Fred soll unter den Drogensüchtigen als Bob Arctor mehr Informationen über die teuflische und tödliche Substanz T herausfinden. Doch Fred ist ebenfalls süchtig nach der Substanz und seine Identitäten beginnen zu verschwimmen. Fred kann bald nicht mehr unterscheiden wer er ist. Das liegt an der Droge, bei hohem Konsum macht sie die Menschen schizophren, da sie die Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften zerstört....


Ein bisschen komplizierter, als es die Inhaltsangabe vermuten läßt, ist der Streifen dann schon. Zunächst einmal ist "Fred" nur ein Deckname - Robert Arctor ist der richtige Name des Polizisten. In dieser Zukunftsvision ist es dem Staat trotz massiver Überwachung aller und jedem nicht gelungen herauszufinden, woher die Umengen der Droge stammen. Daher konzentriert man sich auf Reha-Massnahmen und hat zu diesem Zweck einen Vertrag mit der Firma "Neuer Pfad" geschlossen, die die ausgebrannten Junkies aufnimmt und sie zu resozialisieren versucht. "Neuer Pfad" ist dabei vor den Bespitzelungen der Regierung geschützt, da sie als beauftragte Regierungsfirma tätig ist. Natürlich kommt polizeiintern bald der Verdacht auf, daß "Neuer Pfad" vielleicht mehr mit den Drogen zu tun haben könnte, als nur Resozialisierung. Aber es ist unmöglich, dort jemanden einzuschleusen; die Firma ist perfekt abgeschottet.
Man versucht daher den althergebrachten Weg: ein Polizist wird undercover in die Szene eingeschleust, um sich über die Dealer nach oben zu arbeiten. Das ist nun Bobs bzw. "Fred"s Aufgabe. Um ihre Identität völlig zu schützen, tragen die Polizisten sog. "scramble suits", oder auf deutsch einen "Jedermann-Anzug". Dieser wechselt so schnell das äußere Erscheinungsbild und imitiert eine falsche Stimme, sodaß eine Identifikation unmöglich ist. Nur die Ärzte innerhalb der Polizei wissen, wer sich wirklich hinter "Fred" verbirgt; noch nicht einmal sein direkter Vorgesetzter, ein gewisser "Hank" (auch im Jedermann-Anzug unterwegs) kennt die wahre Identität seines Mitarbeiters.
Bob/Fred schließt sich also der Szene an und wird Teil eines Haufens Wirrköpfe (James, Ernie und Charles), die von der Dealerin Donna mit Substanz T versorgt werden. Über Donna erhofft sich Bob/Fred, an die großen Fische heranzukommen und freundet sich immer mehr mit ihr an. Daß sie ihn aber partout nicht "ranlassen" will, fuchst ihn sehr. Da Bob mit weitreichender Kompetenz ausgestattet ist, darf er auch Substanz T zu sich nehmen, um authentisch zu erscheinen.
Irgendwann gerät aber nicht nur seine zunehmende Drogensucht außer Kontrolle. Eines Tages erscheint ein Informant auf dem Polizeirevier, der Infos über eine angebliche Terroristenzelle hat. Der Informant ist niemand anderes als Bobs Kumpel James und "Hank" ordnet nun die Überwachung der Wohnung von Bob Arctor an. "Fred" soll das übernehmen - der nun vor der schwierigen Aufgabe steht, sich selbst zu überwachen ohne seine Identität preiszugeben. Aufgrund der weiteren Einnahme der Droge und seiner fast unmöglich gewordenen Arbeit zeigt Bob zunehmend Zeichen von Paranoia und Schizophrenie - der Anfang vom Ende. Die Ärzte attestieren ihm eine Bewusstseinsstörung und ordnen seine Beurlaubung an. Dummerweise ist zwischenzeitlich auch "Hank" dahintergekommen, wer sein Untergebener wirklich ist (und wir, die Zuschauer, erfahren mit Staunen nur kurz später wer "Hank" wirklich ist). Er lässt Fred/Bob von seiner Freundin Donna abholen und in die Entzugsklinik des Neuen Pfades bringen.
Nach ein paar Monaten wird Bob, nun unter dem Pseudonym Bruce, zur Arbeit auf eine Farm des Neuen Pfades verbracht. Dort findet er, inzwischen überhaupt nicht mehr er selbst, blaue Blumen zwischen dem mannshohen Mais vor - genau die Blumen, aus denen Substanz T gemacht wird. Er steckt eine ein, um sie bei seinem nächsten Besuch in der Klinik seinen neuen Freunden zu zeigen....

Natürlich erfahren wir kurz vor Schluß, daß die gesamte Aktion so geplant war. Die Polizei wollte einen (Un)freiwilligen irgendwie beim Neuen Pfad einschleusen - und das gelang nur, wenn man den Betreffenden dabei ohne sein Wissen oder Zutun opfert. Bobs Idee, eine Blume zu pflücken und mitzunehmen, war dabei eine Art posthypnotischer Befehl, den er völlig unbewusst ausführte. So mag man zumindest theoretisch noch an halbes Happy End dieser Geschichte glauben.

Der Streifen basiert auf einer Geschichte Philip K. Dick's, diesmal sein persönlichstes Werk. Obwohl Hollywood schon etliche Werke von Dick verwurstet hat, ist diesesmal eine herausragende, beinahe werkgetreue Umsetzung gelungen, zu der man Regisseur Linklater nur gratulieren kann. Wer die storys und Bücher von Dick kennt, ist begeistert von der Detailtreue, mit der hier gearbeitet wurde. Natürlich mussten Abstriche gemacht werden. So arbeitet der "scrambling suit" im Buch derart, daß er das äußere Erscheinungsbild seines Trägers im Nanosekunden-Bereich ändert. Das technisch umzusetzen dürfte nur sehr schwer möglich sein, daher wurde das etwas anders gelöst.
Was aber hervorragend gelöst wurde - und darauf kommt man bei diesem Film früher oder später immer zu sprechen - ist die Änderung der Sehgewohnheiten. Die eingesetzte Rotoskopie-Technik ist zwar keine neue Erfindung, aber hier wirkungsvoll und konsequent umgesetzt. Das gibt nicht nur dem Film sondern auch der Geschichte einen ganz anderen Flair; der Rezipient fühlt sich beinahe selbst wie im Substanz T Rausch. Dick hätte das bestimmt gefallen.

Denn entgegen der mainstream-Meinung ist dies kein Sci-Fi Film. Es ist ein Milieufilm, das Buch die Aufarbeitung von Dick's eigener Drogengeschichte. Er beschreibt darin anschaulich, wie Konsumenten nach und nach den Verstand und die Herrschaft über das eigene Ich verlieren. Natürlich wäre nicht Dick nicht Dick, wenn er nicht noch ein klassisches dystopisches Element mit einbrächte; in diesem Fall ist es der totale Überwachungsstaat. Er zeigt hier anschaulich, daß so ein System im Prinzip gar nicht funktionsfähig ist und früher oder später zusammenbrechen muss (wenn selbst innerhalb der Polizei keiner weiß, wer sein Kollege eigentlich ist, folgt daraus logischerweise das irgendwann jeder jeden bespitzelt; nicht nur der Staat seine Bürger, sondern auch die Staatsorgane und die Bürger untereinander. Das kann auf Dauer aufgrund der entstehenden Ineffektivität nicht funktionieren).
Auch greift Dick die Frage der Moralität auf; z.B. inwieweit jemand für ein "greater good" überhaupt geopfert darf oder wann die Grenze zwischen Verbrechen und deren Bekämpfung sich auflöst und verschwimmt.

Hervorragend auch die Darstellung der Schauspieler. Keanu Reeves zeigt diesmal echt gutes Schauspiel und gibt zusammen mit Robert Downey jr. als "motormouth" James und Woody Harrelson als "philosoph" Ernie das glaubwürdige Abbild einer Junkie-Kommune ab. Auch Winona Ryder als Donna macht ihre Sache ordentlich, obgleich ihre screentime eher begrenzt ist. Durch das Rotoskopie-Verfahren nimmt man die Schauspieler als solche aber meist gar nicht richtig wahr (sie werden mehr über ihre Stimmen identifiziert), sondern eher als Figuren der Geschichte - ein nahezu perfekte Umsetzung der originären Intention allen Schauspiels.

Der Streifen ist also tatsächlich prädestiniert für das Prädikat "besonderer Film", denn ein solcher ist er allemal. Eine hervorragende Umsetzung von Dick's Geschichte ist dafür schon Grund genug, betrachtet man sich mal die anderen verfilmten storys (bzw., was davon übrigblieb).


Fazit:
es ist nicht immer leicht, Zugang zu den Geschichten von Philip K. Dick zu finden. Meist sind sie deutlich vielschichtiger, als der erste Eindruck vermuten läßt. So ist es auch hier. Ein seinen durch Drogen verstorbenen oder dauerhaft psychisch erkrankten Freunden gewidmetes Werk, das klar Stellung bezieht; nicht nur gegen den übermäßigen Gebrauch von Drogen (ganz abschwören konnte Freigeist und "Sci-Fi-Hippie" Dick denen nie) , sondern auch gegen den Staat und seine Bekämpfungsmethoden (auch so etwas, was erst auf den zweiten Blick richtig klar wird). Der Film steht der Vorlage in nichts nach, ist technisch sauber gemacht und entfaltet eine mehr und mehr hypnotische Wirkung beim Zusehen. Absolute Empfehlung!
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