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Alt 16.05.2008, 21:18
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Fsk18 Irreversible

Deutscher Titel: Irreversibel

Frankreich, 2002

Laufzeit: 93 min





Alexandra und Marcus sind ein glückliches Paar. Die beiden führen ein ausgelassenes Leben und streifen nachts durch die wildesten Parties. In einer Nacht dann geschieht das Unglück: Alex macht sich alleine auf den Heimweg und wird in einem Tunnel einem sadistischen Schwulen vergewaltigt. Als Marcus auf dem Nachhauseweg am Tatort vorbeikommt, muss er mit ansehen, wie Alex im Koma liegend abtransportiert wird. In seiner rasenden Wut kennt Marcus nur noch einen Gedanken: Rache.

Mal abgesehen von Luc Besson sind französische Filme meist so eine Sache; manchmal etwas schwerfällig und bemüht, manchmal zu intellektuell bzw. dem Anspruch der Intellektualität nur schwer folgend, manchmal schlicht wirr in ihrer Erzählweise. Gaspar Nóe springt in die Bresche des letzteren und erzählt uns seinen Film rückwärts. Damit „reitet“ er quasi auf der Erfolgswelle von „Memento“ mit, der dieses Konzept als erstes sehr erfolgreich nutzte.

Totzdem haben die beiden Filme nur den Erzählstil gemein, ansonsten verbindet sie überhaupt nichts. Nóe führt das Konzept allerdings konsequent aus; er beginnt mit dem Abspann. (Tartan, der Hersteller der französischen DVD geht gar soweit, das Cover spiegelverkehrt zu drucken).
Nach einem etwas ruhigeren Einstieg, der vom Pferdemetzger aus Nóes „Menschenfeind“ gestaltet wird, sieht sich der Zuschauer in der nächsten Sequenz quasi mit der Hölle konfrontiert. Begleitet von einer derart unruhig geführten Kamera, daß einem vom zusehen beinahe schlecht wird, begleiten wir den Protagonisten durch einen Schwulenclub, in dem offensichtlich keine Perversion ausgelassen wird. Als nächstes werden wir Zeugen eines äußerst bestialischen Mordes. Daß die ermordete Person leider die falsche ist, erfahren wir erst später.

In der nächsten Sequenz springt die Geschichte wieder ein Stück zurück und wir erfahren etwas über die Suche nach einem bestimmten Mann, von dem wir nun wissen, daß er wohl im Schwulenclub „Rectum“ (nein, der heisst tatsächlich so ) zu finden ist. Warum dieser Mann gesucht wird erfahren wir Stück für Stück mit Fortlauf (oder besser Rücklauf) des Filmes.

Das zentrale Element dürfte die äußerst brutal dargestellte Vergewaltigung von Alexandra sein. Diese fast 10 minütige Sequenz lag mir nach Ansicht des Films noch länger schwer im Magen. Hier wird weder etwas beschönigt noch weggelassen; das Verbrechen wird in seiner ganzen Scheußlichkeit und Brutalität dargestellt. Paradoxerweise wird die Kameraführung hier zum ersten mal etwas ruhiger. Fast schon ohnmächtig wird der Zuschauer zur Teilnahmslosigkeit verbannt.
Der Film endet quasi da, womit die Geschichte beginnt: heile Welt und alles eitel Sonnenschein. Das letzte Bild ist eine Textafel, die die zentrale Aussage des Films darstellt: (übersetzt) „Die Zeit zerstört alles.“

Im Grunde genommen, VORWÄRTS erzählt, wäre es nur ein weiterer, storytechnisch eigentlich banaler Rape´n´Revenge Streifen. Noch dazu kein besonders intelligenter. Doch durch die rückwärtige Erzählweise und die drastische Darstellung gewinnt der Streifen an Schwung und macht ihn tatsächlich zu etwas Besonderem. Das flaue Gefühl im Magen hält länger an. Nóe macht klar: sowas kann jedem passieren. Die heile Welt, auf die die Protagonisten am Anfang (Ende) hin zusteuern, gibt es nicht; ist allenfalls eine Wunschvorstellung. Die Zeit zerstört alles. Der Filmtitel ist richtig gewählt. Wenn ein bestimmter Punkt in der Zeit erst einmal überschritten ist, werden die Dinge unumkehrbar; irreversibel.

Nach längerer Zeit mal wieder ein Film, der mich schwer beeindruckt hat. Und auch mit einer gewissen Hoffnungslosigkeit zurückgelassen hat. Es lohnt sich jedenfalls, nach Ansicht darüber zu reflektieren. Einfach ins Regal zurückstellen und vergessen; das würde weder Film noch Inhalt gerecht!


Fazit:
Ein harter, schonungsloser Streifen, der einem die hässliche Fratze der Welt zeigt. Wahrlich nichts für schwache Nerven!!
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